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Bogside

Foyleside - Rossville Street

»Sie reisen nun in das freie Derry ein.« Mit dicken, schwarzen Buchstaben wird uns verkündet, dass wir innerhalb ein und derselben Stadt eine Grenze überqueren: »You are now entering free Derry.« Passend zur Demo bei der Guildhall fordern darunter rote Letter das Ende des Genozids in Gaza, begleitet mit einer Zeichnung, die den Ausschnitt eines Gesichts sowie blutrote Tränen zeigt. Man gibt sich solidarisch mit anderen Volksgruppen, die durch staatliche Gewalt unterdrückt werden.

Das Viertel Bogside steht wie kein anderes für irischen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Um die Anfänge zu begreifen muss man bis ins 12. Jahrhundert zurückblicken. Als Grundursache der Troubles wird die britische Präsenz in Nordirland gesehen, die 1169 mit der Invasion normannischer Truppen begann und 1541 durch die Ernennung Heinrichs VIII. als König von Irland gefestigt wurde. Als Höhepunkt der britischen Präsenz auf der irischen Insel gilt der »Act of Union« im Jahr 1800.

das Butcher Gate auf dem Weg zur Bogside

Neben den verschiedenen Glaubensrichtungen - die Iren sind katholisch, die Briten haben sich durch Heinrich VIII. vom Vatikan losgesagt und gehören mehrheitlich der anglikanischen Kirche an - sorgten immer wieder Gesetze für Zündstoff. So war es den Iren untersagt, Handel mit den britischen Kolonien zu treiben oder Vieh zu exportieren. Der Zugang zu Bildung wurde ihnen erschwert, sodass sie wirtschaftlich nur wenig Spielraum hatten und große Teile der Bevölkerung verarmten.

Um sich von dem Joch zu befreien, unternahmen die Iren etliche erfolglose Versuche, sich der Herrschaft durch die Briten zu entledigen. So wurde die Stadt Derry 1689 von den Iren belagert. Das Ende der Belagerung und der Sieg der Briten in der Schlacht am River Boyne am 1. Juli 1690 wird bis heute alljährlich von den Unionisten und dem Oranier-Orden, in den Sommermonaten in einigen Orten Nordirlands gefeiert. In Derry findet der Marsch am 12. August statt.

das Bloody Sunday Memorial
politische Wandmalereien in Derry erinnern an den Bloody Sunday
politische Wandmalereien in Derry erinnern an den Bloody Sunday

Dem irischen Aufstand von 1689 folgten die Penal Laws, die Strafgesetze, welche die Iren rechtlich stark einschränkte. Damit wurde ihnen unter anderem der Zugang zu öffentlichen Ämtern vorenthalten. Zugleich begünstigten die Strafgesetze eine Umverteilung des Grundbesesitz. Konnten die Iren um 1600 noch 90 Prozent der Inselfläche ihr eigen nennen, so waren es 1700 nur noch zehn Prozent.

Nachdem mit dem Act of Union das Dubliner Parlament aufgelöst wurde und die Iren den Rest ihres ohnehin begrenzten Mitspracherechts verloren, verschlimmerte sich die Situation zusehends. Begünstigt durch das Elend während der großen Hungerkatastrophe zwischen 1845 und 1852 erhielten die Nationalisten starken Zulauf. Wer nicht verhungerte oder auswanderte, organisierte sich.

Erinnerungen an "The Troubles" in Nordirland
Erinnerung an den Bloody Sunday
Erinnerung an "The Troubles" in Nordirland

Doch erst nach Ende des Ersten Weltkriegs kam es zum englisch-irischen Krieg (1919-1921), an dessen Ende die Unabhängigkeit Irlands stand. Dass die nordöstlichen Countys bei Großbritannien blieben, liegt an der Nähe zu Schottland, wodurch sich hier vermehrt Briten angesiedelt hatten und über die Jahrhunderte starke wirtschaftliche und verwandtschaftliche Verflechtungen entstanden waren.

Derry blieb durch das enge Beisammensein der beiden Volksgruppen jedoch ein Pulverfass, auch weil die Katholiken den Protestanten gegenüber benachteiligt blieben. Nachdem 1967 und 1968 mehrere Demonstrationen niedergeknüppelt wurden, brach am 5. Oktober 1969 der Bürgerkrieg aus. Die Bewohner von Bogside riegelten ihr katholisches Viertel ab und lieferten sich mit der Polizei eine blutige Schlacht.

Erinnerung an den Bloody Sunday 1972 in Derry
Erinnerung an Bernadette Devlin
Erinnerung an die Troubles in Nordirland

Einen weiteren Tiefpunkt erlebte das Zusammenleben von katholischen und anglikanischen Bürgern Derrys am 30. Januar 1972. An dem als Bloody Sunday in die Geschichte eingegangenen Tag wurden 14 unbewaffnete Bürgerrechtler von britischen Soldaten erschossen. Danach kam es immer wieder zu Terrorakten durch die IRA auf der einen und miltanten Protestanten auf der anderen Seite. Erst ab Mitte der 90er Jahre normalisierte sich das Verhältnis beider Gruppen.

Heute erinnern in Bogside farbige Wandmalereien an die Geschehnisse während der Troubles. Auch ein Denkmal zu Ehren der 14 Bürgerrechtler wurde errichtet und nicht zuletzt sollen die Peace Bridge sowie die Friedensflamme zur Versöhnung beitragen. Dennoch ist die Lage in Derry bis heute angespannt. Denn die jahrelangen Unruhen haben Investoren abgeschreckt, sodass immer noch viele Menschen ohne Arbeit sind - die meisten davon sind irischer Abstammung.

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